Windhundprinzip oder Profi-Einkauf?

» Artikel veröffentlicht am 14.02.21, von

Der Autor, Lothar Wienböker, Geschäftsführer des KKC e.V., ist während seines Berufslebens mehrere Jahrzehnte als „Materialwirtschaftler“  tätig gewesen und wundert sich über Impfstoffbeschaffung durch die EU:

Man darf fragen, ob es vorstellbar ist, dass ein Unternehmen die Position des Einkaufsleiters mit einem Dolmetscher besetzt? Wohl kaum, es sei denn, das Unternehmen wäre die EU. Die in der EU für die europaweite Beschaffung von Impfstoffen verantwortliche Direktorin Sandra Gallina ist von Beruf Dolmetscherin.

Profis, welche sich in der Materialwirtschaft auskennen, richten auf der Anbieterseite ihre Produktionskapazität am Auftragsbestand aus. Der Bedarf auf der Nachfrageseite war leicht zu ermitteln, denn die Einwohnerzahlen in Europa sind kein Geheimnis.

Damit war beiden Seiten klar: die Nachfrage war größer als die möglichen, kurzfristigen Liefermengen.

Wenn die vorhandenen Produktkapazitäten nicht ausreichen, wird es für jeden Käufer schwierig, das Ziel der Beschaffung sicherzustellen:

Bereitstellung der benötigten Güter und Dienstleistungen in der erforderlichen Art, Menge und Qualität

zur rechten Zeit am rechten Ort

Wenn also weniger vorhanden ist als rechtzeitig lieferbar, findet das Windhundprinzip statt.

Die Kunden, die zuerst bestellen, werden eben zuerst beliefert. Mit einem bedingten Vorvertrag ist eine Kapazitätsreservierung möglich. Das weiß natürlich jeder Einkaufsprofi.

Als Dolmetscherin hätte Frau Gallina zumindest die Übersetzung der „Best effort“-Klausel in dem Kaufvertrag mit dem Pharmaunternehmen Astra-Zeneca kennen müssen. Diese Klausel „Nach besten Bemühungen“ verpflichtet den Lieferanten nicht auf eine exakte Einhaltung von Liefermengen und -terminen.

Mit den Pharmaunternehmen Biontec/Pfizer wurde Menge und Preis von Impfdosen vertraglich vereinbart. Es ist also unerheblich, in wie vielen Portionen der Impfstoff geliefert wird.

Jetzt streitet die EU über diese Punkte mit den Lieferanten. Bei den Pharmaunternehmen haben eben Profis verhandelt.

Ländern außerhalb der EU (Großbritannien, USA, Israel) war offensichtlich frühzeitig bekannt, welches die erfolgversprechenden Lieferanten sind und sie haben sich drei Monate eher als die EU bei Biontec/Pfizer, Moderna und Astra-Zeneca eingedeckt. Ein guter Einkäufer kennt die Fähigkeiten von Lieferanten und nicht nur deren Preise.

Fazit: Es wurde, nach meiner Meinung, zu spät und – warum auch immer – bei falschen Lieferanten (z. B. Sanofi) bestellt, weil das Einmaleins der Beschaffung nicht berücksichtigt wurde.

Lothar Wienböker