So viel Wissen über unser Nichtwissen gab es noch nie! (Jürgen Habermas)

» Artikel veröffentlicht am 05.04.21, von

Das deutsche Krisenmanagement bei der Corona-Pandemie ist ein Lehrstück für die Zukunft. Es bietet allen künftigen Managern einen reichen Erfahrungsschatz zum Thema: Was man alles falsch machen kann. Ein winziger Virus hat in der deutschen Gesellschaft alle Versäumnisse, Fehlentwicklungen und Mängel unbarmherzig offengelegt.

Die früher für ihre Effizienz weltweit bewunderten Deutschen scheiterten kläglich an rechtlichen Hürden, ratlosen Politikern und ungehorsamen Bürgern. Die Dominanz von Juristen in den Parlamenten und Behörden führte zu weltfremden Diskussionen über notwendige Sofortmaßnahmen. Überforderte Krisenstäbe in den Regierungen kämpften mit lähmender Bürokratie, politischen Interessenkonflikten, widersprechenden Lobbyeinflüssen und mangelnder Einbindung von kritischen Fachleuten.

Mit zunehmender Verzweiflung verfolgte die genervte Bevölkerung die unzähligen Pannenserien, teilweise absurden Regelungen und gebrochenen Versprechungen. Unübersehbare Gruppen stemmten sich als Querdenker gegen die gefühlte Entmündigung und verweigerten öffentlichkeitswirksam der Obrigkeit die Gefolgschaft.

Dabei war dieser typische Reaktanzeffekt schon Ende der 1970er Jahre millionenfach bei den Gurtmuffeln aufgetreten.

Wie geht es anders? Ende Januar war Portugal mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 878 der höchste Virus-Hotspot der Welt. Die geschockte Regierung verordnete endlich die Strategie des konsequenten Shutdowns und senkte trotz fehlender Impfstoffe die Inzidenz zwei Monate später auf 28.

Vergleichbare Maßnahmen werden von deutschen Epidemiologen seit Monaten gefordert, aber augenscheinlich war bei den Entscheidern das Risikobewusstsein noch nicht ausgeprägt genug. So starten wir nun in die schon lange angekündigte dritte Welle, heftiger als je zuvor.

Nicht nur in der Kommunikation muss sich Grundlegendes ändern. Die Regel lautet: ein Stratege folgt nicht seinem Gefühl, sondern seinem Verstand. Alle betroffenen Kreise müssen von Anfang an bei der Krisenbekämpfung eingebunden werden. Wie wollen wir sonst krisenhafte Konsequenzen des unaufhaltsamen Klimawandels in den nächsten Jahrzehnten bewältigen?

Manfred Kindler