Ingo Nöhr August 2021: Kommt jetzt der sechste Kondratjew-Zyklus?

» Artikel veröffentlicht am 02.08.21, von

Was für ein hektischer Monat! Die Aufregungen überschlugen sich regelrecht: Die Pegasus- Ausspähung der Smartphones, neue Delta-Virus-Ausbrüche, die große Impfverweigerung in vielen Ländern, Chemie-Explosion in Leverkusen, Flut­kata­strophen, aber auch extreme Hitzewellen in man­chen Regionen.

Ungerührt davon baut China gerade seine eigene Raumstation.

Wie immer betrachten Ingo und Jupp beim monatlichen Stammtischgespräch das aktuelle Weltgeschehen mit ihren unterschiedlichen Brillen. 

Also Ingo, wenn du angesichts der katastrophalen Meldungen im vergangenen Monat immer noch ein Optimist bleiben kannst, dann verstehe ich die Welt nicht mehr.

  • Jupp, ich habe damit kein Problem. Der ungarische Physiker und Atombombenbauer Edward Teller hat einmal gesagt: „Der Unterschied zwischen einem Optimisten und einem Pessimisten besteht heute darin, dass der Optimist glaubt, die Zukunft sei ungewiss.“ Du machst den Denk­fehler, dass du den gegenwärtig maroden Zustand der Welt einfach in die Zukunft extrapolierst. Ich als Optimist habe zwar nicht weniger oft unrecht als du als Pessimist, aber ich lebe froher, weil ich an die Lernfähigkeit der Menschen glaube.

Ingo, dass stimmt nicht ganz: Ein Pessimist zu sein hat den Vorteil, dass man entweder ständig recht behält oder angenehme Überraschungen erlebt, nämlich, wenn der schlimmste Fall nicht eintritt. Du dagegen musst doch aufgrund der Dummheit der Menschen permanent Enttäuschungen erleben, weil dein bestes Szenario nicht passiert.

  • Lieber Jupp, meine Enttäuschungen halten sich sehr in Grenzen, denn „Ein Pessimist sieht das Problem, das in jeder Chance steckt, ein Optimist sieht die Chance, die in jedem Problem steckt.“ Das ist von Winston Churchill. Also erzähle mal: wo siehst du aktuell die Probleme. Ich verrate dir dann auch, welche Chancen ich erkenne.

Ach Ingo, ich weiß ja gar nicht, wo ich anfangen soll. Aktuell ist mein nächstgelegener Problemfall mein Nachbar. Du weißt schon, der Q-Anon-Anhänger und Querdenker. Er lauert mir regelrecht auf, wenn ich mal vor die Tür trete. Dabei meint er es angeblich nur gut mit mir. Er will mich retten und über die wahren Hintergründe aufklären. Dafür soll ich unbedingt mit ihm am 1. August zur großen Querdenkerdemo nach Berlin fahren. Dort trifft sich die Million der Erleuchteten, um gegen die Verdummung und Versklavung der Bevölkerung durch die geheime Weltregierung und das Groß­kapital zu kämpfen. Wo siehst du nun die Chancen, bitte schön?

  • Zunächst einmal möchte ich die Querdenkerbewegung nicht einfach als Versammlung von Verrückten abqualifizieren. Sie hat eine sehr heterogene Zusammensetzung und ich bin sicher, dass ich dort auch viele ernsthaft besorgte Menschen treffen würde, die sich gut informiert haben. Sie haben eine Gegenöffentlichkeit zu den Mainstream-Medien aufgebaut und stellen zuweilen sehr kritische Fragen. Die Masken- und Impfverweigerer beklagen doch nicht ganz zu Unrecht die offizielle Unterdrückung von Informationen, „welche die Bevölkerung beunruhigen könnten“. In dieser ernstzunehmenden Untergruppe der Skeptiker sehe ich ein wichtiges Regulativ in der politisch beeinflussten Meinungsbildung.

Also Ingo, glaubst du jetzt wirklich, dass Bill Gates uns mit seinem mikrochip-einpflanzenden Test- und Impfkampagnen zu willenlosen Untertanen einer Weltregierung umformen will? Dass die Eliten der Welt mit dem Blut entführter Kinder in satanischen Ritualen versuchen, sich das Leben zu ver­längern? Mein Nachbar ist sich neuerdings sicher, dass die ersten beiden Corona-Impfungen die Menschen süchtig machen werden und sie wie Drogenabhängige jeden Monat mehr Impfstoff haben wollen.

  • Danke, Jupp, dass du mir ein solches Gedankengut zutraust, aber glaube mir, ich wurde noch nicht von den Verschwörungstheorien infiziert. Mich macht nur nachdenklich, mit welcher Intensität man die Andersdenkenden zur Ruhe zwingen will. Der Philosoph Peter Sloterdijk sieht in einigen Gruppierungen der Querdenkerszene „sektenähnliche Meinungsgenossenschaften mit Figuren wie aus dem Spätmittelalter, die den Weg in die Moderne und damit zu naturwissen­schaft­licher Evidenz und zum Staatsbürgertum innerlich nicht mitgegangen sind. Das hat im Verwechseln der eigenen Wünsche mit der Welt etwas Kleinkindliches.“ Und was macht die Zugehörigkeit so attraktiv? „Man macht miteinander euphorische Erfahrungen in der Annahme des gemeinsamen privilegierten Zugangs zur Wahrheit. Es gibt für den Selbstgenuss nichts Schöneres als solche Räusche des Irrsinns.“ Er plädiert für Aussteigerprogramme aus der Szene, um ihnen bei der Abkehr von ihren Positionen ohne Gesichtsverlust zu helfen.

Interessant, Ingo. Du meinst also, sie genießen das Glück, einer verschworenen Glaubensgemein­schaft anzugehören, die sich im Besitz der alternativen Wahrheit zu sein glaubt. Das hat ja direkt etwas Religiöses. Man fühlt sich geborgen in einer Sekte, die von Ungläubigen umzingelt und be­kämpft wird. Mich erinnert dies an die fanatischen Republikaner der USA, die trotz aller negativen Meldungen in Donald Trump ihren Heilsbringer sehen. Die Feinde wollen ihnen die Waffen rauben, damit sie wehrlos sind und ihre verfassungsmäßige Freiheit verlieren. Aber woher kommt denn der Druck, sich solch einer Sekte anzuschließen?

  • Sloterdijk zitiert dazu den österreichischen Schriftsteller Hermann Broch. Er hatte in 1930er-Jahren seine »Massenwahntheorie« formuliert, als er die aufgepeitschten Massen der NS-Zeit erlebte. seine Faschismustheorie ist bis heute aktuell geblieben. „Seiner Auffassung nach sind moderne Gesellschaften großformatige Ensembles in präpanischer Erregung, die unter dem Eindruck von Krisenstress plötzlich in akute Panikzustände versetzt werden können. Demnach wäre Panik der Stoff, aus dem die irrationalen Masseneffekte sind. Kollektivpaniken manifes­tie­ren sich in Massenflucht durch enge Ausgänge oder in der Zuflucht zu einem Retter. Der trägt das Mandat, das Volk wieder groß zu machen, indem er die befreiende Katastrophe herbeiführt.“

Da finden wir also unseren Donald Trump wieder. Demnach sind diese erregten Querdenker-Demos auch eine Folge der Corona-Krisen, verstärkt durch die vermurkste Bewältigung des Klimawandels.  Gerade passend dazu erlebten wir am 29. Juli fast einen Monat früher als 2020 den diesjährigen Earth Overshoot Day. In Deutschland fiel der Erdüberlastungstag schon auf den 5. Mai. Hatten wir nicht eine ähnliche Panik in den 1960er Jahren, als zu Zeiten des Kalten Krieges die Amerikaner in Erwartung eines russischen Nuklearangriffs massenhaft Atombunker in ihren Gärten und Städten bauten?

  • Na ja, vielleicht aus gutem Grund, schließlich stand unser Globus bei der Kubakrise im Oktober 1962 kurz vor dem Ausbruch des Dritten Weltkrieges. Unsere Medien greifen immer wieder panikerzeugende Meldungen auf und multiplizieren durch ihren Fokus die Horrorängste. Das war bei Corona-Ausbruch in Bergamo so und bei den vielen Lockdowns, als ratlose Regierungen hektische Alibiaktionen in Gang setzten.

Nicht zu vergessen, Ingo, die großen Flutkatastrophen in NRW und Bayern kürzlich. Und gleich darauf die Explosion im Leverkusener Chemiebetrieb, die mich in ihren Folgen an Tschernobyl erinnerte, als wir wegen der Giftwolke Kinderspielplätze nicht benutzen und unser Gemüse und Obst im Garten nicht essen durften. Jedes Mal erlebten wir die Hilflosigkeit unserer Behörden, die auf ihre verbeam­tete Schönwetter-Bürokratie angewiesen waren.

  • Jetzt kommt aber der positive Aspekt zum Tragen, Jupp: die gewaltige Hilfsbereitschaft der Bevölkerung, besonders sichtbar bei den zerstörten Dörfern in der Eifel. Heerscharen von frei­willigen Helfern machten sich auf den Weg und schufteten bis zum Umfallen bei wildfremden Menschen. Die vergleichbare rettende Hilfe durch die Bürger haben wir schon vor fünf Jahren erlebt, als sich eine Million Flüchtlinge auf Einladung von Angela Merkel auf den Weg ins para­diesische Deutschland machten. Die Menschen haben mittlerweile kapiert, dass sie sich in Not­situationen selbst helfen müssen und ihre Illusion verloren, dass der Staat mit seinem angeb­lichen Rundum-Fürsorgepaket alles im Griff hat. Für ein effektives Krisenmanagement ist unsere staatliche Konstruktion mit der unüberschaubaren Verteilung von Verantwortungen auf Bund, Länder und Kommunen denkbar schlecht gerüstet.

Jedes Mal wird gestritten, wer im Notfall die gesamte Verantwortung und Krisenleitung übernehmen soll. Es fehlt ein durchsetzungsstarker Helmut Schmidt, der als Senator 1962 in Hamburg die Sturm­flut gemanagt hat. Wir haben zwar seit 2004 ein Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastro­phen­hilfe mit einer eigenen Akademie. Angesichts des jüngsten Hochwassers mit 150 Toten erklärte der BBK-Präsident, dass seine Behörde für den Verteidigungsfall im Krieg zuständig sei, aber nicht im Katastrophenfall.

  • Da hat man sich wohl in der Namensnennung vertan, Jupp. Übrigens möchte ich auch mal den Begriff Verteidigungsministerium infrage stellen. Minister Struck erklärte im Dezember 2002: „Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt“. Und wie steht es jetzt mit unserer Sicherheit? Die Bundeswehr zieht sich nach 20 Jahren verlustreich mit über 50 toten Soldaten aus dem gescheiterten Afghanistan-Einsatz zurück und überlässt ihre lokalen Hilfskräfte der Rache der Talibans. Da konnten die 800 Milliarden US-Dollar der Amerikaner auch nichts bewirken. Dafür hatten sie 3.600 tote Soldaten und das zehnfache an Opfern bei der Zivilbe­völkerung zu beklagen.

Und wo finde ich angesichts dieser Situation jetzt deinen Optimismus wieder, mein lieber Ingo?

  • Wie ich schon sagte, Jupp, ich konzentriere mich auf die Chancen. Die grundlegende Heraus­forderung ist doch, dass man ein derart komplexes und dynamisches System von Problemen mit seinen unzähligen Verknüpfungen und multiplen Ursachenketten nicht mit den historisch gewach­senen Konzepten beherrschen kann. Die Kanzlerkandidaten einiger Parteien geben eine grausame Vorstellung ihrer Kompetenz ab. Die Bevölkerung erkennt zunehmend, dass unser gegenwärtiges politisches System zur Bewältigung der heraufziehenden Krisen in der Demo­grafie, Digitalisierung und dem Umweltschutz nicht geeignet ist. Das Resultat ist ein Vertrauens­verlust in die Allmacht des Staates, seine Untertanen ausreichend vor den Folgen zu schützen. Ein neues Klimabewusstsein entsteht, ein langsames Umdenken hinsichtlich der unkritischen Fortsetzung unserer bisherigen Arbeits-, Produktions- und Bildungsstrukturen findet statt. Kurzum: die Zeit für ein neues Denken ist reif. So kann es nicht weitergehen. Wir haben diese Umbrüche doch schon mehrmals erlebt: Industrialisierung, Elektrifizierung, Digitalisierung, Globalisierung – alles schon vergessen? Wir stehen kurz vor einer neuen Phase.

Du meinst, wir erleben jetzt den sechsten Kondratjew-Zyklus, der auf den der Informationstechnik folgt? Der sich dann vor allem mit dem Überlebenskampf in unserer ruinierten Natur befasst?

  • Ja, diese Anzeichen sehe ich überall. Ich zitiere mal eine Meldung der Deutschen Welle vom 28. Juli: „Mehr als 14.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus rund 150 Ländern haben sofortige Veränderungen im Hinblick auf die Klimakrise gefordert. Diese Veränderungen seien dringlicher denn je, um das Leben auf der Erde zu schützen, heißt es in einem im Fachjournal BioScience veröffentlichten Artikel. Gefordert wird unter anderem ein absehbarer Ausstieg aus der Verwendung fossiler Brennstoffe sowie ein besserer Schutz der Artenvielfalt.“

Also Ingo, angesichts dieser Aussichten bleibt uns nur der Griff nach unserem beständigen und inno­va­tionsgeschützten Lebensmittel. Herr Wirt, bitte zwei Bier!

  • Gute Idee Jupp. Ein Prosit auf unser aller Zukunft.

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Die Kondratjew-Zyklen beschreiben den Kern einer von dem sowjetischen Wirtschaftswissen­schaft­ler Nikolai Kondratjew entwickelten Theorie zur zyklischen Wirtschaftsentwicklung, die Theorie der Langen Wellen. Ausgangspunkt für die Langen Wellen sind Paradigmenwechsel und die damit ver­bun­denen innovationsinduzierten Investitionen: Es wird massenhaft in neue Techniken investiert und damit ein Aufschwung hervorgerufen.

  1. Periode (ca. 1780–1840): Frühmechanisierung; Beginn der Industrialisierung in Deutschland; Dampfmaschinen-Kondratjew. Es gibt Vermutungen, dass es in England schon einen früheren Zyklus gab.
  2. Periode (ca. 1840–1890): Zweite industrielle Revolution Eisenbahn-Kondratjew (Bessemer­stahl und Dampfschiffe). In Mitteleuropa Gründerzeit
  3. Periode (ca. 1890–1940): Elektrotechnik- und Schwermaschinen-Kondratjew (auch Chemie)
  4. Periode (ca. 1940–1990): Einzweck-Automatisierungs-Kondratjew (Basisinnovationen: Inte­grier­ter Schaltkreis, Kernenergie, Transistor, Computer und das Automobil)
  5. Periode (ab 1990): Informations- und Kommunikations-Technik-Kondratjew (globale wirt­schaft­liche Entwicklung)

(aus Wikipedia)

Es gibt eine Theorie, die besagt, wenn jemals irgendwer genau herausfindet, wozu das Universum da ist und warum es da ist, dann verschwindet es auf der Stelle und wird durch noch etwas Bizarreres und Unbegreiflicheres ersetzt. –

Es gibt eine andere Theorie, nach der das schon passiert ist. 

(Douglas Adams, Autor von „Per Anhalter durch die Galaxis“)

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