Schnittstellen sind das Problem

» Artikel veröffentlicht am 26.03.21, von

Lothar Wienböker hat seine berufliche Laufbahn als Betriebswirt EDV begonnen und war jahrzehntelang in Leitungsfunktionen der Krankenhäuser tätig. Seit mehr als 20 Jahren ist er Geschäftsführer der „Gesellschaft zur Förderung interdisziplinärer Zusammenarbeit in den Einrichtungen des Gesundheitswesens. e.V.“ (KKC). Er gibt in unregelmäßigen Abständen seine Kommentare „zu Protokoll“.

Als in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts die „Elektronischen Datenverarbeiter“ erfuhren, warum eine Lochkarte mit einer Prüfkerbe versehen wird, lernten sie auch den wichtigen Grundsatz: Jede Information soll nur einmal erfasst und vollständig, für jedermann lesbar, gespeichert werden, um dann beliebig oft be- und verarbeitet werden zu können. Geschwindigkeit und Speichervolumen waren damals die technischen Restriktionen.

Später bezeichneten sich diese Fachleute stolz als „Informatiker“, weil man meinte, inzwischen Informationen auszutauschen. Man hatte mittlerweile genügend Speicherplatz; Speichermedien waren ausreichend vorhanden und die Arbeitsgeschwindigkeit wurde enorm. Der alte Grundsatz geriet in Vergessenheit und eine ganze, gewinnträchtige Branche beschäftigte sich mehr oder weniger erfolgreich mit Schnittstellen, die es gar nicht gegeben hätte, wenn man konsequent geblieben wäre. Heute haben wir – damals unvorstellbare – Möglichkeiten und könnten eigentlich sofort anfangen zu kommunizieren, wenn wir uns endlich von der Schnittstellen-Informationsverarbeitung verabschieden würden.

Doch die Realität sieht leider anders aus. Man erfährt, dass Gesundheitsämter teilweise ihre Daten noch per Fax weitergeben und wundern uns über die Corona-Statistiken. Mit eifrigen handschriftlichen Erfassungen wird versucht, die Daten zu erfassen, die längst in elektronischer Form vorlägen, wenn die Gesundheitskarte so eingeführt und umgesetzt worden wäre, wie diese mal vor mehr als 10 Jahren geplant wurde.

Natürlich ist der Datenschutz ein hohes Gut und keiner will, dass vertrauliche Daten ungeschützt genutzt werden können. Doch geben viele der lauthals protestierenden Datenschützer täglich bereitwillig ihre Daten preis, um an der Supermarktkasse einen minimalen Preisvorteil zu haben. Bei Anmeldungen zur Impfung oder für Termine zum Corona-Test wird – auch unter Mithilfe der Bundeswehrangehörigen – versucht, mit Kugelschreibern die Massendatenverarbeitung zu bewältigen, welche mit erheblich weniger Aufwand zu lösen wäre, wenn es eine Gesundheitskarte für jeden Bürger gäbe.

Diese vermeidbare „Schnittstellenproblematik“ ist nicht nur im Gesundheitswesen, sondern auch im Bildungsbereich zu erkennen. Natürlich ist ein Präsenzunterricht vorzuziehen. Wenn aber die Pandemie deutlich zeigt, dass auch Homeschooling dadurch erschwert wird, weil die Lernsoftware- Programme oft nicht miteinander korrespondieren, hilft es nicht, auf die Kulturhoheit der Länder und das Vergaberecht zu verweisen. Dieses Problem lässt sich auch nicht durch die Beschaffung von Endgeräten für alle Schüler lösen.

Wer also kommunizieren will und Brücken bauen möchte, sollte sich mit beiden Seiten des Flusses einvernehmlich über den Bauplan und die Baumaterialen einigen, sonst bleibt nur die Möglichkeit, hin- und her zu schwimmen. Eine Lehre können wir alle aus der gegenwärtigen Situation ziehen: Wo Brücken fehlen, muss man schwimmen. Wer aktuell die Prüfung für das „Seepferdchen“ in der Politik und den Verwaltungen ablegt, mag jeder selbst beurteilen.

Dass zurzeit mehr geschwommen als gehandelt wird, ist sicherlich unumstritten.