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Schriftdolmetschen – barrierefreie Kommunikation für Hörgeschädigte

» Artikel veröffentlicht am 28.03.17, von

Zum Erstgespräch im Krankenhaus kommt Clara* in Begleitung. Bevor Clara auf die Fragen des Arztes antwortet, schaut sie kurz auf ihr Tablet. Fast nahtlos entspinnt sich die Kommunikation zwischen Arzt und Patientin – dank des Kommunikationsassistenten, der das Gespräch für die hörgeschädigte Clara verschriftlicht.    * Name geändert

In Europa beläuft sich die Zahl hörgeschädigter Personen auf rund 8 Prozent der Gesamtbevölkerung (Nofftz 2014:21-42). Um diesen Personen die berufliche Teilhabe zu ermöglichen, können sie die Dienste von Schriftdolmetschern in Anspruch nehmen.

Die Arbeit der Schriftdolmetscher wird unter der Bezeichnung Kommunikationsassistenz gefördert. Die Assistenz kann entweder persönlich vor Ort oder per Internet über eine Plattform (von Unternehmen wie www.verbavoice.de, www.kombia.de, www.audioscribo.de) erfolgen.

Der über das Internet zugeschaltete Schriftdolmetscher verschriftlicht das Gehörte nahezu in Echtzeit. Der Text wird dem Hörgeschädigten auf einem elektronischen Gerät wie einem Tablet oder Handy angezeigt. Per Chat können beide zusätzlich miteinander kommunizieren (MDÜ 6/2016, S. 18ff.).

Weiter geht es mit dem Gespräch: Die Patientin, die aufgrund einer Infektion schwerhörig wurde, soll ihre Einwilligung zur Operation geben. Clara macht rasch und deutlich klar, dass die einverstanden ist. Erstaunt erkundigt sich der Arzt beim Schriftdolmetscher, wie sie so schnell zur Entscheidung gelangt ist. Der Schriftdolmetscher erklärt, dass er sich bei der Mitschrift nach den kognitiven Fähigkeiten der Gesprächspartner ausrichtet und gegebenenfalls Fachwörter erläutert, das Gesagte etwas verkürzt oder ausführlicher darstellt. Das trage zum Gelingen der Kommunikation bei.

Damit Hörgeschädigte dem Geschehen folgen können, passen Schriftdolmetscher Ausdrucksweise und Tempo an die Kunden an. Sie lassen etwa unnötige Füllwörter und unbeabsichtigte Wiederholungen weg, lösen komplexe Textstrukturen auf. Zusätzlich zur Übertragung des Textinhalts beschreiben sie für die Situation bedeutsame Laute und Umgebungsgeräusche (Lachen, Lärm…), die Namen der Sprecher usw. Aufgrund der Textverkürzung, der Auswahl und Gliederung von Informationen innerhalb kürzester Zeit wachsen die Komplexität des Prozesses und die kognitiven Anforderungen. Hinzu kommt, dass Schriftdolmetscher diese Handlungen weitgehend gleichzeitig schriftlich umsetzen.

Dankbar für die Unterstützung durch Schriftdolmetscher

Auf die Bitte des Arztes beschreibt Clara, wie ihr Alltag aussieht und wann sie Unterstützung benötigt. Eigentlich komme sie ganz gut alleine klar. Sie beherrsche die Gebärdensprache ganz ordentlich, so dass sie sich mit Freundinnen und Freunden, die von Geburt an schwerhörig sind, verständigen könne. Weil sich ihr Hörvermögen erst später verschlechtert habe, könne sie auch etwas von den Lippen ablesen. Schwierig werde in Gesprächssituationen mit mehr als zwei Personen. Oder wenn viele Umgebungsgeräusche die ungefilterte Aufnahme der Informationen erschwerten. In diesen Situationen sei sie auf die Unterstützung von Schriftdolmetschern angewiesen.

Steigende Nachfrage nach Schriftdolmetschern

Menschen mit Hörbehinderungen haben Anspruch auf kostenfreie Kommunikationsassistenz zum Zwecke der beruflichen Integration (Ausbildung, Telefonkonferenzen, Besprechungen…), bei Gerichtsverhandlungen, Arztbesuchen, im schulischen Bereich etc. Im Zuge der Implementierung der EU-Richtlinie „zur Festlegung eines allgemeinen Rahmens für die Verwirklichung der Gleichbehandlung in Beschäftigung und Beruf“ besteht in der Regel ein Rechtsanspruch auf Finanzierung der Dienstleistung Schriftdolmetschen. Die Kosten werden von unterschiedlichen Trägern je nach Einsatzgebiet der Assistenz übernommen. Zunehmend werden Sitzungen in Landtagen, dem Bundestag und von Parteien von Schriftdolmetschern protokolliert.

Der Bedarf an Schriftdolmetschern steigt: Laut Angaben des Deutschen Schwerhörigenbunds e.V. ergibt sich ein theoretischer Bedarf von 3.000 bis 14.000 Schriftdolmetschern und Schriftdolmetscherinnen allein für die Bundesrepublik Deutschland (Berechnung siehe www.dsb.de, Deutscher Schwerhörigenbund e.V. 2014:3). Derzeit sind in Deutschland circa 50 zertifizierte Schriftdolmetscher im Internet aufgeführt.

Insbesondere Personen, die beruflich mit Inklusion und Kommunikation im weitesten Sinne beschäftigt sind, können mit dieser Ausbildung ihr berufliches Portfolio erweitern und neue Marktchancen nutzen. Die Tätigkeit kann freiberuflich oder angestellt, in Teilzeit und im Homeoffice ausgeführt werden.

www.sdi-muenchen.de/seminare/schriftdolmetschen

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Jutta Witzel und Heidrun Wehmeyer

 

Quellen:

Nofftz, Birgit (2014) Written interpreting in individual countries. http://www.kombia.de/fileadmin/downloads/Written_interpreting_in_individual_countries_Birgit_Nofftz%282014%29.pdf. Zugriff: 20.10.2015
Deutscher Schwerhörigenbund e.V. (2014) Eine arbeitsmarktpolitische Begründung zur Ausbildung von Schriftdolmetschern in Deutschland. http://www.schwerhoerigen- netz.de/DSB/SERVICE/SCHRIFTD/PDF/arbeitsmarkt-analyse.pdf. Zugriff: 13.07.2016
Witzel, J. et al: „Schriftdolmetschen – Mehr als nur aufschreiben“ in: MDÜ, Fachzeitschrift für Dolmetscher und Übersetzer, Herausgeber: Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer e.V. (BDÜ), 6/2017, S. 18 ff.